Interview mit einem Flüchtling

Eigentlich widerstrebt mir dieser Arbeitstitel. „Ein Flüchtling“… ist er doch genauso Mensch wie jeder andere ohne Migrationshintergrund und verdient keinen Stempel, der bei vielen bereits ein Werturteil auslöst. Ich entscheide mich trotzdem dafür. Denn ich möchte, dass viele Leute dieses „Interview mit einem Flüchtling“ sehen. Und aufgrund der Überschrift gehe ich davon aus, dass die Menschen aufmerksam werden.

Medienkompetenz als Schlüssel zu einem korrekten Bild geflüchteter Menschen

„Flüchtling“: Ein Wort, das in der heutigen Zeit kontroverse Diskussionen auslöst und so manche Familienfeier zum Streitstammtisch eskalieren lässt. Dabei wissen die meisten nur aus den Medien von diesen zugewanderten und kulturell anders geprägten Mitbürgern. Die Panikmache auf RTL & Co. hinterlässt ihre Spuren: Rechtsgelagerte Parteien bekommen immer mehr Rückenwind und nutzen die Angst der Bürger, um sich weiteren Zuspruch zu verschaffen.

Ein Interview mit jemandem, der selbst betroffen ist

Ich habe dieses Interview mit einem Flüchtling gemacht, um eine alternative Perspektive aufzuzeigen. Eine Meinung aus einem anderen Blickwinkel einfangen von jemandem, der nicht aus den Medien von der Flüchtlingspolitik erfahren hat, sondern selbst davon betroffen ist. Der also wirklich etwas dazu zu sagen hat- und dazu sagen kann.

Die Flüchtlingspolitik aus einem anderen Blickwinkel betrachten

Aufgrund der Debatten im Netz habe ich lange mit mir gekämpft, ob ich einen weiteren Beitrag zum Thema veröffentlichen soll. Ich hatte bereits in „Wenn ein Flüchtling plötzlich kein Fremder mehr ist“ über das Thema geschrieben. Aber ich finde, es ist extrem wichtig, zu hören, wie betroffene Menschen selbst dazu stehen.

Es ist die Angst, von einer fremden Kultur überrannt zu werden

Die Sichtweise auf Geflüchtete ist leider bei den meisten bildungsfernen Bürgern negativ ausgeprägt. Aber auch Menschen, die intellektuell etwas auf dem Kasten haben, springen immer öfter auf den „Ich bin ja kein Nazi, aber“-Zug auf. Es ist die Angst, dass unser System zusammenbrechen könnte und nicht mehr funktionert. Die Angst, von einer fremden Kultur überrannt zu werden. Das Unverständnis, die große Schlucht zwischen „denen und uns“. Deshalb finde ich dieses Interview so wichtig. Einem Betroffenen über die Schulter schauen können, seine Meinung und seine Geschichte anhören, das können wir nicht alle Tage. Ich möchte bezwecken, dass diejenigen, die kritisch gegenüber Flüchtlingen sind, das Video einfach mal auf sich wirken lassen. Hier geht es um eine persönliche Geschichte.

Unabhängiger Beitrag ohne politische Gesinnung

Bei dem Videointerview handelt es sich um einen Bericht, der die Meinung meines Interviewpartners abbildet, den ich im Übrigen vor Anfeindungen schützen möchte und deshalb seinen Namen austausche und ihn nur von hinten filme. Er beantwortet mir meine Fragen ungeschönt. Dieser Beitrag ist unabhängig und dient keiner politischen Gesinnung.

Die aktuelle politische Lage im Irak

Während im Norden durch die Kurden ein autonomer Proto-Staat geschaffen wird, befinden sich das Zentrum und der Westen unter Kontrolle der Dschihadisten-Miliz des Islamischen Staates. Der IS konsultiert Muslime und verfolgt Kurden sowie Christen. Frauen anderer Religionen werden vergewaltigt, Männer direkt ermordet. Die Religion spielt eine zentrale Rolle. Für weitere Informationen sei auf die Darstellung der aktuellen Situation durch die Bundeszentrale für politische Bildung verwiesen.

Interview mit einem Flüchtling

Er lebt seit 10 Monaten in Deutschland. Dafür ist sein Deutsch phänomenal.

Wir haben uns am Bochumer Hauptbahnhof verabredet. Sinan ist pünktlich. Ich bin zwei Minuten zu spät. Ich überlege, ob das in seiner Kultur als Beleidigung gilt. Zur Begrüßung ein Handschlag. Er lebt seit 10 Monaten in Deutschland und stammt aus dem Irak. Dafür ist sein Deutsch phänomenal. Anders kann man es nicht sagen. Sinan kann erzählen wie ein Wasserfall. Ich möchte mal einen Deutschen sehen, der nach 10 Monaten so gut arabisch spricht.

Wir führen das Interview in einer Shisha-Bar in Bochum

Sinan hat sich schick gemacht. Das Interview bedeutet ihm viel. Er ist aufgeregt. Ich überlege, in welcher Umgebung er sich am wohlsten fühlen könnte. Vielleicht eine Shisha-Bar? Er erwähnte, dass er im Irak mal in einer gearbeitet hat. Gute Idee, denke ich. Dann mal los.

Ich habe nicht das Gefühl, als einzige Frau, zudem noch Deutsche, hier abfällig behandelt zu werden

Hier ist es dunkel. Das wird wohl nichts mit der schönen Belichtung für meine Kamera. Ich öffne die Eingangstür einen Spalt und luke hinein. Niemand hier, nur der Besitzer und zwei Angestellte. „Darf ich bei Ihnen ein Interview drehen?“ Die Männer schauen mich etwas irritiert an, entdecken dann aber Sinan. „Ja natürlich, kommen Sie herein!“ Man weist uns einen Tisch in der Ecke zu, an dem wir ungestört drehen können. Sinan unterhält sich mit den Männern. Die große Deckenleuchte wird extra für uns angeschaltet, obwohl dadurch das schummrige Ambiente zerstört wird. Ich habe nicht das Gefühl, als einzige Frau hier, zudem noch Deutsche, abfällig behandelt zu werden. Sinan übersetzt mir, was die Männer miteinander reden.

Selbstlos, obwohl er kaum etwas besitzt

Sinan ist ein gebildeter, junger Mann. 18 Jahre jung. Er geht noch zur Schule. Seine Eltern mussten im Irak zurückbleiben, genau wie seine Geschwister. Er ist alleine hier. Wie stark muss man sein, um das auszuhalten, denke ich. Und vor allem: Selbstlos. Wie er mir im Interview erzählt, hat er mehrere hundert Euro für fremde Personen bezahlt, damit diese ebenfalls flüchten können und in Bulgarien nicht abgewiesen werden. Geld ist ihm nicht wichtig, das betont er immer wieder.

„Wir Flüchtlinge sind nicht alle gleich. Viele möchten einfach nur leben.“

Im Interview erzählt er mir außerdem, wie sich das Leben im Irak früher- und heute gestaltet(e), berichtet von seinem langen Weg nach Deutschland und gibt seine kritische Meinung über die eigenen Landsleute preis. Sinan verweist darauf, dass es durchaus auch Flüchtlinge gibt, denen die eigene Religion wichtiger ist als das friedliche Leben in Deutschland. „Aber wir sind nicht alle gleich! Viele möchten einfach nur leben!“

„Es geht um Öl. Wir haben im Irak sehr viel Öl.“

Sinan weiß, dass die Kriege im Irak geführt werden, weil es um Ressourcen wie Öl geht. Außerdem ist der Aspekt, wie der IS mit Frauen umgeht, zentral in seinen Ausführungen und ich merke, wie sehr ihn das schmerzt und beschäftigt.

„Wir sind alle Menschen. Egal, welcher Religion!“

Er selbst hat Schwestern und lebt in ständiger Sorge um sie. Sein Plädoyer lautet: „Wir sind alle Menschen. Egal, welcher Religion.“

Als jesidischer Kurde wurde er von ISIS im Irak verfolgt. Seine Religion ist genauso betroffen wie die der Christen. Nur als Muslim konnte man im Irak noch ruhig schlafen, sagt er.

Clash der Kulturen: Miteinander reden, aufeinander zugehen

Deutlich wird ebenfalls, dass Kultur ein Teil der Erziehung ist. Und Kulturen sind unterschiedlich. Sinan weiß, dass die Demokratie auch für ihn das bessere Modell darstellt. Er hat sich in Deutschland schon sehr gut zurecht gefunden, was man nicht zuletzt an seinen sprachlichen Fähigkeiten erkennt, aber auch Bräuche, die hier zum Alltag gehören, hat er schon verinnerlicht.  Man muss jedoch bedenken, dass Männer- und Frauenbilder anerzogen sind und viele Menschen nicht so einfach die eigene Kultur hinter sich lassen können. Das ist ein Problem, ganz klar. Grade deshalb gilt es, diesen Menschen unsere Kultur nahezubringen.

Waffenexporte stoppen, damit Menschen in ihrer Heimat Frieden finden

Und: Das Problem an der Wurzel packen. Waffenexporte stoppen und Kriege nicht weiter befeuern kann die einzige Lösung sein, damit Menschen in Frieden auch in ihrer Heimat leben können. Und daraus resultierende Vereinigungen wie der IS sich nicht weiter ausbilden können. Deshalb ist es wichtig, sich über Kriege zu informieren und darüber, warum und von wem sie geführt werden. Geht es wirklich um den Schutz der Bürger oder geht es vielleicht doch um Ressourcen und Macht?

Was gibt es in dem Interview sonst noch zu sehen?

Im Interview kannst du dir seine Ausführungen komplett ansehen. Sinan sagt seine Meinung zu der Silvesternacht in Köln, zu minderjährigen Frauen, die von ISIS vergewaltigt werden, zu der bulgarischen Polizei, zu Schleppern und zu seinem Kontakt mit deutschen Mitbürgern.

Er sieht das Gute in jedem Menschen. Von den Deutschen spricht er nur positiv.

Erstaunlich ist in meinen Augen, dass er nur positiv von den Deutschen spricht, wo es doch so viele gibt, die sich einfach nur unangemessen benehmen. Aber Sinan sieht eben das Gute in den Menschen. Ich würde sagen, da kann sich ein so mancher besorgter Bürger eine Scheibe von abschneiden.

No place for hate speech!

Ich verweise darauf, dass ich gerne in eine anspruchsvolle Diskussion einsteige, dass rassistische Kommentare und Hatespeech hier aber keinerlei Plattform finden. Deshalb werden die Kommentare erst nach Prüfung freigeschaltet.

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4 Kommentare

  1. Leider ist es wahr, dass momentan meist nur eine Seite in der Berichterstattung beleuchtet und auch eindeutig gelenkt wird. Gerade deshalb finde ich deinen Beitrag so gelungen. Finde es toll, dass du Sinan die Chance gegeben hast ‚uns‘ auch mal die andere Seite zu zeigen. Auch ihm gilt mein Respekt, da ich mir vorstellen kann, wie anstrengend so ein Gespräch für die Seele ist.
    Mich berührt er wirklich sehr und ich hoffe für dich und für ein liberales freies Deutschland, dass dieser Beitrag viele Menschen erreicht und Denkanstöße in die richtige Richtung gibt. Lg Kathrin

  2. Marie-Christin

    Hallo Kathrin,

    es freut mich, dass du den Beitrag für dich als wertvoll einstufst. Und es stimmt, dass dieses Interview für meinen Gesprächspartner sicherlich nicht einfach war. Jedoch war es ihm auch wichtig, der Welt zu zeigen, dass wir alle Menschen sind.

    Liebe Grüße und noch einen schönen Abend,

    Marie

    • Marie-Christin

      Hallo Rike,
      das muss ich mal recherchieren 🙂
      Vielleicht entsteht dann daraus nochmal ein Beitrag, wer weiß 😉

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